Ausblicke ohne Einblicke

Alle Jahre wieder versuchen sich Finanzmarktexperten im Dezember als Wahrsager. Der Klassiker schlechthin ist dabei die Frage: Wo steht der DAX in einem Jahr? „Nur wer das nicht mit ‚Im Wald!’ kontert, sondern eine beliebige Zahl zwischen 5.000 und 15.000 ausspuckt, qualifiziert sich für die nächste Runde“, sagt Christian W. Röhl, Gründer der unabhängigen Research-Plattform DividendenAdel. Wenn es um Dividenden geht, hält Röhl die Vorhersagen sogar für schädlich: „Da kann der Blick in die Glaskugel durchaus böse Folgen haben: Prominente Ausfälle dieses Jahres sollten Warnung genug sein, den Schätzungen zu misstrauen.“

Abgesehen von einigen Unternehmen mit unterjährigem Geschäftsjahresende (Siemens, Infineon, ThyssenKrupp) oder sehr langfristiger Festlegung (Deutsche Euroshop), liegen für 2017 noch keine Dividendenankündigungen vor. „Die DAX-Liga erklärt sich traditionell im Februar/März und in den anderen Indices dauert es oft sogar bis April, bis man Klarheit hat, wer wie viel zahlt“, erklärt Röhl. Zuvor müsse man sich mit Schätzungen behelfen. Doch das könne eben durchaus tückisch sein. So galt vor zwölf Monaten unter Analysten als ausgemachte Sache, dass der Energiekonzern RWE 2016 auf jeden Fall 0,50 Euro Dividende zahlen würde. „RWE kam damit zeitweise auf eine erwartete Dividendenrendite von über fünf Prozent, was in den meisten Rankings für einen Spitzenplatz reichte – bis zum 17. Februar, als das Unternehmen verlauten ließ, dass die Ausschüttung gestrichen wird“, erinnert sich Röhl.

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Der vermeintliche Rendite-Renner war über Nacht zum Rohrkrepierer geworden. Kein Einzelfall, denn die Ausfälle bei der Deutschen Bank und Bilfinger hatte ebenfalls kaum einer auf der Rechnung. „Auch 2017 dürfte es wieder ein paar böse Überraschungen geben“, ist Röhl überzeugt. Eine Prognose für Wackelkandidaten wie RWE oder E.ON sei nichts weiter als Stochern im Nebel. „Bei zuverlässigen Zahlern spielt es dagegen nicht wirklich eine Rolle, ob man nun auf Nummer sicher geht und mit der 2016 gezahlten Ausschüttung rechnet oder auf eine (vermutlich etwas höhere) Schätzung für 2017 zurückgreift“, so Röhl. Im DAX30 gehören etwa Siemens, SAP oder Henkel in diese Gruppe. „Alle drei Gesellschaften haben seit über 25 Jahren ihre Dividende nicht mehr gesenkt. Zudem gehörten sie in diesem Jahr zu den besten Performern im DAX“, sagt Röhl.

Überdies sei eine hohe Dividendenrendite ja noch lange kein Qualitätsmerkmal, sondern allenfalls ein Signal, dass eine Aktie niedrig bewertet sein könnte. „Ob ein Einstieg lohnt, lässt sich erst abschätzen, wenn man auch die anderen drei Ecken des Magischen Vierecks unter die Lupe genommen hat – nämlich Kontinuität, Ausschüttungsquote und Dynamik“, erklärt Röhl.

 

 

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